Tai Chi • Qi Gong
"Tai Chi ist wie ein Bambusstock, den man bis zum äußersten biegt;
er gibt nach, das ist Yin,
doch wenn man loslässt, schlägt er mit aller Kraft zu, das ist Yang."
MEISTER CHEN SHENG YU

Taijiquan (auch Tai Chi Chuan geschrieben) ist ein wichtiger Bestandteil der chinesischen Kampfkünste. Der Begriff wurde zum ersten Mal während der Zhou-Dynastie im "Buch der Wandlungen" erwähnt. Dort heißt es: "Wo Taiji ist, da ist Frieden und Harmonie zwischen dem Positiven und dem Negativen". Die Ursprünge des Taijiquan lassen sich historisch nicht genau belegen. Die Chen-Familie aus Chenjiagou in der Provinz Henan gilt jedoch als Begründer dieser Kampfkunst.

Das Taijiquan unterscheidet sich sehr stark von vielen anderen Stilen. Harten und energischen Angriffen begegnet man mit weichen Techniken. Eine Bewegung folgt der anderen in ununterbrochener rhythmischer Harmonie. Die Bewegungsabläufe sind überwiegend sehr langsam, manche aber auch energisch und schnell. Es ist allerdings nicht das Ziel, Taiji möglichst langsam auszuüben – vielmehr ist die Langsamkeit der Weg zum Erfolg, die Techniken richtig auszuführen, sich stets über die Position der einzelnen Gliedmaßen, des Körperschwerpunkts und der Koordination von Atmung und Bewegung bewusst zu sein.

Während früher der Schwerpunkt auf der Anwendung als Selbstverteidigungssystem lag, tritt heute mehr der gesundheitliche Aspekt in den Vordergrund. Das System des Taijiquan beruht auf den Prinzipien des Daoismus. Die Übung von Taiji hat gute Einflüsse auf den Heilungs- und Rehabilitierungsprozess bei vielen chronischen Krankheiten, stärkt das Immunsystem und wirkt beruhigend auf Körper und Geist. Desweiteren werden Organ- und Stoffwechselfunktionen unterstützt und die allgemeine körperliche Konstitution verbessert sich.

Der Chen-Stil

Der Chen-Stil ist der wohl beste Interpret des ursprünglichen Geistes der einzigartigen Kunst des Taiji Quan. Drei historische Personen am Beginn des 16. Jahrhunderts trugen zur Enstehung des Stils bei: Wang Tzun Yeh, Li San Fan und Jiang Fa. Während dieser Zeit war es üblich, das Praktikanten der Kampfkünste das ganze Land bereisten, um ihre Kenntnisse zu verbessern und sich mit anderen Meistern auszutauschen oder zu messen. Meister Wang traf während seiner Reisen die Meister Li San Fan und Jiang Fa. Er zeigte ihnen weiche Kampftechniken, die diese später an Chen Wangting (1600-1680) weitergaben. Chen Wangting war ein großartiger Kämpfer und Kung Fu Experte. Er verband seine Erfahrungen mit den Lehren der Meister Li San Fan und Jiang Fa und entwickelte so den Stil, der den Namen Namen seiner Familie tragen sollte - den Chen-Stil. Über einen langen Zeitraum wurde dieser Stil nur im Geheimen praktiziert und nur innerhalb der Familie weitergegeben. Erst am Beginn des 19. Jahrhunderts erlangte der Stil langsam eine größere Verbreitung. Durch diese Weitergabe des Wissens an Personen außerhalb der Familie konnten sich nach und nach die anderen heutzutage verbreiteten Stile entwickeln (Yang, Wu, Wu/Hao, Sun).

Die ursprünglichen Formen des Chen-Stils waren sehr lang und komplex und enthielten auch akrobatische Elemente und gesprungene Kicks, wie sie heute noch in anderen Kampfkunststilen wie z.B. dem Shaolin Quan zu finden sind. Die heute gängigen Formen stellen ein stark verkürztes und teilweise vereinfachtes Kondensat der Anfänge dieser Kunst dar. Flüssige und leichte Bewegungen wechseln mit explosiven ab. Eine Besonderheit des Chen-Stils ist die Kraft der Körpervibrationen, das Fajin.

Die Formen des Chen-Stils gliedern sich in den alten (Lao Jia) sowie den neuen Rahmen (Xin Jia). Innerhalb der beiden Rahmen gibt es jeweils zwei Formen: die langsamere Yi Lu, bei der die Entwicklung der inneren Kraft durch die Spiralbewegungen des Chansigong im Vordergrund steht und die schnellere Er Lu (), auch Kanonenfaust (Pao Chui) genannt, die die äußere Kraft fördert und eine Vielzahl an Angriffs- und Verteidigungstechniken lehrt. Daneben wurden in letzter Zeit auch einige Kurzformen mit 38, 19, 18 bzw. 13 Bewegungen entwickelt, die leichter und schneller zu erlernen, und für Einsteiger geeignet sind. Der Chen-Stil beinhaltet auch Waffenformen mit Säbel, Schwert, Speer, Hellebarde, Doppelsäbel, Doppelschwert, und Langstock.

Zum Einstieg werden einige Grundübungen, die sog. Seidenübungen (Chansigong) gelehrt. Diese dienen der Lockerung des Körpers und der Gelenke und vermitteln dem Lernenden ein Gefühl für die korrekte Körperhaltung und -bewegung in den späteren Formen. Außerdem helfen sie durch die spiralförmigen Bewegung bei der Entwicklung der inneren Kraft, die für die richtige und wirkungsvolle Ausführung der einzelnen Techniken sehr wichtig ist.
Sind die Grundprinzipien verinnerlicht, wird zu Beginn die 18-teilige Form Shi Ba Shi nach Chen Zhenglei gelehrt. Sie ist eine verkürzte Version der Lao Jia Yi Lu, die jedoch sämtliche wichtigen Komponenten dieser Form enthält und den Einstieg in diese komplexe Kunst erleichtert. Nach dem Erlernen kann sie in zwei bis drei Minuten durchgelaufen werden. Mit zunehmenden Fähigkeiten werden die langen Lao Jia Yi Lu und Er Lu sowie die ersten Waffenformen mit Säbel und Schwert gelehrt. Pushhand-Übungen ergänzen das Training.

©  Kampfkunstschule Shaolin Quan